Vielen sagt der Name Joachim Gauck nichts oder nur wenig. Für einen kurzen, sehr authentischen und – wie ich finde – sehr wichtigen Eindruck kann ich euch dieses kurze Interview empfehlen.
Ein paar schöne Zitate:
Wir [Christian Wulff und Joachim Gauck] haben andere Herwege, eine andere Prägung, und deshalb eine andere Personenfarbe.
Ich bin ein Liebhaber der Freiheit. [...] Ich mag nicht wenn Menschen ihre Ohnmacht kultivieren, nicht wählen gehen. Und ich mag auch nicht dass die Regierten und die Regierenden Sprachstörungen haben. [...] Und deshalb glaube ich wäre es meine Aufgabe Menschen davon zu überzeugen dass wir begabt sind für Freiheit und begabt sind für Verantwortung.
Ein weiteres Zitat aus einem Interview in der Bild am Sonntag:
“Es geht in dem Amt, für das ich kandidiere, darum, Mut zu machen und zu versöhnen. Deshalb ist es gut, wenn der Bundespräsident mitten aus dem Volk kommt. So wichtig Parteien sind, dieses Amt sollte keine Beute von Parteien sein.”
Zum einen bleibt zu hoffen, dass die Linken keinen eigenen Kandidaten aufstellen. Joachim Gauck als charismatischer Aufklärer und Freiheitskämpfer mit einem DDR-Bürgerrechtler Hintergrund passt doch im Grunde wunderbar zu den Linken – viel mehr als ein Christian Wulff. (Update siehe unten: die Linkspartei hat eine eigene Kandidatin aufgestellt).
Zum anderen haben bereits einige FDP’ler angekündigt, darüber nachzudenken, für Gauck zu stimmen.
So hat beispielsweise Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow gestern angekündigt, dass es keinen Blankoscheck für Christian Wulff gebe. Überhaupt scheint man etwas verstimmt zu sein, da Westerwelle offensichtlich mit Merkel, Seehofer und Wulff alleine entschieden hat, anstatt mit den Ländern Rücksprache zuhalten. FDP-Fraktionschef Veit Wolpert, Sachsen-Anhalt, spricht sogar von einer “massiven Verärgerung”. “Wir werden in der Fraktion darüber zu sprechen haben, ob wir trotz Bedenken mit Herrn Wulff leben können”. Auch Hildegard Hamm-Brücher, ehemalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten und frühere FDP Politikerin unterstützt Joachim Gauck, weil “seine Kandidatur in unserer verunsicherten Demokratie in Ost und West auf jeden Fall ein Zeichen der Hoffnung gibt”. Weitere Würdigungen aus der FDP bekam Gauck von Wolfgang Gerhardt und dem parlamentarischen Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Otto Fricke.
In der nicht-repräsentativen Tagesschau.de Umfrage erzielt Gauck zur Zeit übrigens 72.3%, Wulff 15.7%.
Bei 48208 Stimmen.
Die CDU allerdings gibt sich gelassen. Der Sprecher der ostdeutschen CDU-Bundestagsabgeordneten, Arnold Vaatz: “Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass die Ost-Abgeordneten ohne jeden Abstrich für Christian Wulff stimmen werden”. Die Vorstellung, die Bundesversammlung kippen zu können, sei “naiv” und “abenteuerlich”.
Update, 07.06.2010:
Wie befürchtet stellen die Linken lieber einen eigenen Kandidaten auf und krönen damit Wulff zum Präsidenten, anstatt für Gauck zu stimmen.
Allerdings übrlegen sie sich wohl, im zweiten Wahlgang Gauck zu wählen, und da bei den ersten beiden Durchgängen die absolute Mehrheit für einen Sieg nötig ist, werden die Linken durch eine “Fremdwahl” auch nicht Königsmacher.
Was fast noch wichtiger ist: SPD und Grüne haben auch schlicht versagt, da sie mit den Linken nicht bzgl. der Nominierung von Gauck gesprochen hatten. Die Linkspartei ist daher beleidigt – so wie wir das in der Politik in letzter Zeit häufiger erleben (Köhler, die FDP in NRW) – und schmollt in der Ecke.
Zusammengefasst: die drei Parteien, die vielleicht in manchen Fällen einen kleinen Tacken weniger schlimm sind als Union und FDP schießen sich ordentlich gegenseitig über den Haufen, anstatt ihre Aufgabe in irgendeiner Form anständig zu erledigen. Das nennt man, glaube ich, Versagen.
Gerade hat sich auch Linkspartei-Chef Ernst in einem Interview zum Thema geäußert. Er bestätigt ziemlich klar, dass die Linken schlichtweg beleidigt sind, beschreibt Gauck als ungeeignet, verheddert sich aber gehörig in seiner Argumentation. Ernst sagt weiterhin, dass die Linkspartei keinen Kandidaten wählen wird, den sie für ungeeignet hält (hier ist auch keine Rede von einem möglichen zweiten Wahlgang). Darauf hingewiesen, dass so in jedem Fall eine Situation entsteht, in der Deutschland einen Bundespräsidenten kriegt, der für die Linken ungeeignet ist, antwortet Ernst, dass sie aber halt trotzdem machen was sie wollen, und sich von niemandem abbringen lassen werden.
“Auch die SPD und die Grünen müssen merken, dass wir jetzt in einem Fünf-Parteien-System leben. Wenn die Regierungsparteien einen Kandidaten vorschlagen, dann ist es adäquat, dass die größte Oppositionspartei auf die anderen zwei zugeht und sagt: Lasst uns mal überlegen, wen es gemeinsam gibt oder gäbe. Dass die das gar nicht gemacht haben, ist für uns ein Affront, so dass wir einfach nicht akzeptieren, was uns vorgelegt wird.
[...]
Herr Gauck hat zweifellos seine großen Verdienste in der Aufarbeitung in der Geschichte der DDR. Zum jetzigen Zeitpunkt aber käme es auf einen profilierten Menschen an, der in anderen Politikfeldern eine bestimmte Erfahrung hat. Zum Beispiel in der Sozialpolitik oder auch in der Wirtschaftspolitik. So würde deutlich, dass der Bundespräsident ein Präsident der Bürger ist.”
Um es mit Fefe zu sagen – wer hat die noch mal gewählt?
– Quelle: Tagesschau.de
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June 6th, 2010 at 22:08
SPD und Grünen schicken für das Amt des Bundespräsidenten (!) einen liberal-konservativen (!) Kandidaten ins Rennen – und das allein um einen Keil in Regierungskoalition zu treiben. Währenddessen schustern CDU, CSU und FDP hinter geschlossen Türen einem altgedienten Ministerpräsidenten das höchste Amt des Staates zu.
Und dann wundern sich die Politiker, dass sie immer unglaubwürdiger werden…
June 15th, 2010 at 17:32
Bzgl Linke: Lies mal die Wikipedia-Seite von Gauck, da wird dir sonnenklar, warum den von der Linken keiner wählen kann. Bei Wulff ist es mehr oder minder das selbe. Die Wahl ist zwischen einem evangelikalen, parteiischen Aal und einem amerikahörigen Sozialabbauer. Tolle Wurst.
June 15th, 2010 at 17:54
Ich kenne die Seite, und auch Gauck’s Hintergrund.
Und? Es ist absolute Idiotie, jetzt so tun zu, als wären beide Kandidaten gleich schlecht. Das mögen sich die Linken in ihrer beleidigten Ecke so einbilden, aber stimmt einfach nicht. Sorry, wenn ich hier so klare Worte finde, aber meiner Ansicht nach machen die Linken sich damit lächerlich.
Ja, es WAR bescheuert von Rot/Grün, die Linken nicht mit einzubeziehen. Ja, wir sind ein 5 Parteien System! Ich verstehe da total den Frust. Aber trotzdem darf das in so einer kritischen Phase, wo es darum geht, schwarz/gelb den finalen Dolchstoß zu versetzen, um wichtigere Dinge als so einen Blödsinn. Sollen sie zeigen dass sie was taugen und wirklich besser als rot/grün sind, und den Gauck wählen.