Inhalt
Severin lebt im Prag der Zwanziger Jahre. Er ist anders als die anderen Menschen, irgendetwas unterscheidet ihn. Alles ist ihm fremd, bleibt ihm fremd, und dennoch besitzt er eine unwiderstehliche Anziehungskraft.
Es gab welche, für die der Glanz des Lebens nur ein Trugfeuer war. Höhnisch mit unseligen Händen, Parias, die eine hündische Angst durch die Straßen hetzte, Mörder und Gezeichnete. [...]
Er hatte es schon immer gefühlt, schon damals, wie er als Knabe in dem wilden Buche las und nach Abenteuern hungerte. In den blassen Flammen seiner wurmstichigen Jugend war immer ein rötlicher Hauch gewesen, der aus den schlimmsten Verstecken seines Herzen kam. Das Glück der andern war ihm ein kindisches Bilderrätsel. Planlos hatte er mit dem Schicksal gespielt und war an seinen armseligen Mausefallen vorbeigestolpert, ohne sich zu verletzen.
“Severins Gang in die Finsternis” erschien im Jahre 1914 als zweiter Roman von Paul Leppin, der selbst in Prag aufgewachsen ist. Eine sehr lesenswerte Biographie, v.a. wenn man sich noch nicht so sehr mit der Frühlings-Generation auseinandergesetzt hat (nicht zu verwechseln mit dem Prager Frühling).
Stil
Man muss mit Superlativen vorsichtig sein … aber ich denke, ich kenne keinen Autor, der derart bildlich zu beschreiben vermag.
Und ein wunderbares und überlebensgroßes Glück rann ihm wie siedendes Metall ins Blut und brannte in sein armes, von der Liebe bewältigtes Herz eine süße, korallenrote Narbe.
Paul Leppin ist ein Großmeister der synästhetischen Beschreibungen, ich habe mir beim Lesen häufig “genau so ist es!” gedacht, und doch habe ich zuvor die geschilerten Dinge niemals in dieser Form beschrieben gefunden. Er gibt Gerüchen Farbe und Gedanken einen Geschmack.
Kurt Pinthus rezensierte das Buch kurz nach dem Erscheinen im Jahre 1914:
“Dies ist ein Gespensterroman, in dem kein Gespenst unheimlich Grausen verbreitend auftritt. Sondern eins der stillsten, unaufdringlichsten und dennoch ernstesten, künstlerischsten Bücher, die in den letzten Monaten emportauchten. Zugleich ein Buch, das beunruhigt, das niederdrückt, das ein wirreres Grauen in uns weckt als unheimliche Geschichten und spukhafte Abenteuer. Denn das Grauen rührt uns an, welches das Leben, das Geschehen an sich birgt, jenes scheinbar hintaumelnde, sinnlose Geschehen, das unbiegsam, unverwirrbar trotz aller Wirrnis zu seinem Ziele zwingt.”
Bewertung
1
Und hier gibt es das Buch bei Amazon (zur Zeit 12.90€).
(Danke an Solveig – ohne Dich wäre mein Bücherregal nur halb so voll, und ich ein reicher Mann.)
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