Autor: Christian Gosse
Tja, offenbar sind die ersten Casting-Runden der alle vier Jahre stattfindenden Show “DSDOK” herum und die Auserwählten werden in den nächsten Wochen einige Workshops absolvieren und in mehreren Mottoshows im Bundestag und auf internationalen Konferenzen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Die diesjährige Jury bestand als “Mama” Merkel, “Grinse”-Guido und “Heiland” Horst und wenig überraschend haben sich zwei der Jurymitglieder selbst ins Kabinett gewählt.
Hier also die voraussichtlichen Finalisten und ihre Ensemblerollen:
Angela Merkel: Bundeskanzlerin
Diese Rolle hatte sie schon die letzten vier Jahre gespielt, doch jetzt hofft sie, mit der neuen Bandbesetzung endlich die Misstöne abgestellt und ein paar harmonische Kantonisten verpflichtet zu haben. Merkels mütterlicher Charme hat sie schon in der letzten Staffel zum Liebling der Zuschauer werden lassen.
Ronald Pofalla: Kanzleramts-Minister
Sozusagen der Notenständer der Kanzlerin. Muss nicht singen, was vielleicht auch ganz gut so ist.
Guido Westerwelle: Außenminister
Singt die zweite Solostimme, vor allem bei internationalen Auftritten. Hat langjährige Bühnenerfahrung, aber gilt beim Publikum oft als ein bisschen selbstverliebt. Hört sich selbst gerne singen.
Wolfgang Schäuble: Finanzminister
Hat durch seine eigenwillige Interpretation des Innenministeriums viel Kritik beim Publikum einstecken müssen, und auch das Verfassungs-Komitee würdigte seine gesetzlichen Leistungen nicht in dem Maße, das er erhofft hatte. Aber chor-intern gilt er als Meister der schwierigen Töne, er singt Tonfolgen, die sich kein anderer traut, nicht mal Guido. Daher vielleicht eine gute Besetzung als Nachfolger für Peer Steinbrück, der ebenfalls sehr außergewöhnliche Tonlagen beherrschte, wie man in der Schweiz, Liechtenstein und Mali feststellte. Für seine neue Rolle hat er zumindest einige Erfahrungen mit Briefumschlägen sammeln können.
Thomas de Maizière: Innenministerium
Gilt als zuverlässiger Notenständer und -umblätterer. Soll seine Kenntnisse mit auch schwierigen Partituren nun im Innenministerium unter Beweis stellen. Das Publikum erhofft von ihm eine wesentlich verträglichere Interpretation des Gesetzesstoffes als sein Vorgänger pflegte.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Justizministerin
Die großartige liberale Sopranistin, die im innerparteilichen Chor erst vor wenigen Jahren ihr an der Basis umjubeltes Comeback gefeiert hatte (was einigen Mitgliedern des Vorstandes einen sehr bemühten Applaus abrang) und durch ihr Gastspiel an der bayrischen Staatsoper weiteres Renommee erwarb, darf ihre alte Rolle als Justizministerin wieder übernehmen. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass sie die Noten einfach fortwirft, wenn man von ihr Gesangseinlagen fordert, die sie moralisch nicht vertreten kann. Vielleicht wurde deshalb der eigenwillige Arrangeur Schäuble abgelöst?
Rainer Brüderle: Wirtschaftsminister
Schon seit vielen Jahren übte Brüderle seine Stimme im stillen Kämmerlein und endlich wird sein Traum wahr, endlich mal auf einer großen Bühne zu stehen. Man könnte ihn also als eine Art Paul Potts der Bundespolitik bezeichnen. Er tritt die Nachfolge des Heldentenors zu Guttenberg an, was wahrlich große Fußstapfen sind, zumindest in Sachen Kleidungsgeschmack und Frisurmode.
Karl-Theodor “Wilhelm” zu Guttenberg: Verteidigungsminister
Der Tenor aus Kulmbach hat eine steile Karriere hingelegt, zuerst auf bayrischen Bühnen, dann bei einem kurzen Gastspiel in Berlin, bis er nach dem Ausstieg des alternden Stars Glos kurzerhand ins Ensemble des Bundeskabinetts verpflichtet wurde. Er zeigte einen distinguierten Umgang mit der fremden Tonlage, doch kann jetzt gewissermaßen in seiner Paraderolle Arien schmettern, zum Beispiel bei Auslandsgastspielen im Hindukusch. Man ist versuch zu sagen: Wer so gut angezogen ist und sich so gut ausdrücken kann, der kann kein schlechter Sänger sein. Eigenschaften, die sein Vorgänger leider oft vermissen lies. Aber das führt mich zu:
Franz-Josef Jung: Minister für Arbeit und nicht Soziales
Jung kam erst als Notnagel ins letzte Kabinett, nachdem der eigentliche Startenor Koch eine Verlängerung seines Engagements in Wiesbaden vorzog. So war die Rolle, die Jung singen musste, auch etwas zu groß für seinen Stimmumfang, er wirkte in den oberen Lagen unsicher und in den tiefen Lagen eher substanzlos. Nun wollen wir mal hoffen, dass ihm seine neue Partitur besser liegt, denn als Arbeits- und Sozialminister muss er auch viele schwierige Linien singen. Insider behaupten jedoch, dass seine Stimmqualität nicht für ein Ensemble dieser Größenordnung ausreicht, dass er lieber im Erbacher Männergesangverein trainieren solle. Bezeichnenderweise wurde ein Teil seiner Partituren umgeschrieben, um von seiner Kollegin Ursula gesungen zu werden.
Ursula von der Leyen: Ministerin für Familie, Senioren, Frauen, Jugend, Soziales und moralische Integrität
Die begabte Sopranistin (ihr Talent wurde ihr väterlicherseits vererbt) trat vor vier Jahren dem Ensemble bei und machte schnell Furore, galt als beliebtestes Chormitglied. Doch der Erfolg stieg ihr zu Kopfe und sie begann, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Mit ihrem Kabinettskollegen Schäuble veranstaltete sie einige Gesangsduette mit “modernen” Interpretationen des Grundgesetzes. Was bei parteiinternen Auftritten und auf Senioren-Kaffeefahrten stürmisch umjubelt wurde, fiel beim deutlich kritischeren Publikum unter 75 durch. Sie überlegte jetzt sich bei der Neubesetzung des Kabinetts ihre Stimme abzugeben und lieber die Rolle der Gesundheitsministerin zu übernehmen, doch mit der Hinzunahme des Bereichs “Soziales” wurde ihre Stimme ausreichend aufgewertet, so dass die launische Diva zufriedengestellt wurde.
Ilse Aigner: Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Nachdem dem Ingolstädter “Heiland” Horst Seehofer die Rolle des ersten Tenors in der bayrischen Staatsoper/-kanzlei angetragen wurde, die er in bester wagnerischer Imposanz ausfüllt, musste seine Rolle im Bundeskabinett neu vergeben werden. Die Wahl fiel schließlich auf Ilse Aigner, von der man sagt, dass vor allem ihre regional-bayrische Herkunft sie für dieses Amt qualifizierte. Sie sang in den letzten Monaten in bester Tradition ihres Vorgängers die Oper zu Ende, ohne sich jedoch in den Vordergrund singen zu können. Ihr Duett mit dem Bauernverband fand kein Gefallen bei den Kabinettskollegen, die lieber der Nahrungsmittelindustrie und dem Einzelhandel wohlgefällige Klänge hoffen. Daher ist von ihr auch sicherlich nicht zu erwarten, dass sie die Rolle der Walküre des Verbraucherschutzes übernehmen wird. Vermutlich wird diese Rolle aus der kommenden Oper einfach hinausgestrichen und durch eine Kinderporno-Arie der Familienministerin ersetzt.
Philipp Rösler: Minister für Gesundheit
Der niedersächsische Newcomer gilt als zweiter Guttenberg, aber da sein Idol sowie der Vizekanzler die großen Rollen beanspruchen, bleibt ihm nur die Rolle des Gesundheitsministers. Sie gilt als besonders schwierig zu meistern, denn es gilt die Balance zwischen Pharmaindustrie, Ärzteverbänden und Versicherungen zu finden. Ob Rösler das Format besitzt, hier eine gute Mischung zu finden und ob er es schafft, seiner Stimme Geltung zu verschaffen, bleibt fraglich. In vier Jahren wird das Publikum beurteilen können, ob er besser war als seine Vorgängerin Ulla Schmidt, die viel gescholten wurde, aber es durchaus verstand, sich gegen die schrillen Lobbysirenen durchzusetzen.
Peter Ramsauer: Minister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Der rustikale Bariton konnte sich in den letzten Jahren vor allem als Erste Stimme des bayrischen Parlamentschors einen Namen machen. Nun strebt er nach Höherem, doch ihm bleibt nur das undankbare Amt des Verkehrsministers. Dieses Amt besitzt so gut wie keinen eigenen Interpretationsspielraum. Ramsauer darf hier lediglich die Noten singen, die seine Vorgänger arrangiert haben – bei einer Autobahneröffnung etwa. Und alle Arrangements, die er selbst setzt, werden frühestens ein sieben bis zehn Jahren uraufgeführt werden, und dann vermutlich von einem anderen Minister gesungen werden.
Norbert Röttgen: Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Auch dies ist eine der schwierigsten Rollen der Oper. Sie wurde erst mitte der 80er Jahre nachträglich hinzugefügt, nachdem das Publikum sich immer stärker für Umwelt und Naturschutz interessierte. Doch viele Jahre wurde diese Rolle nur stiefmütterlich auf die Bühne gebracht, zumeist als Komparse. Doch diese Rolle hat große Karrieren hervorgebracht, Klaus Töpfer etwa ging auf die internationale UN-Bühne und ist nun Indendant bei einer eigenen Oper. Auch “Kohls Mädchen” hat eine hervorragende Karriere gemacht, sie ist nun Kanzlerin.
Dirk Niebel: Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Eine schwere Rolle übernimmt der bisherige Einheizer des Parteichores. Er muss die “rote Heide” beerben, die diese Rolle im Ensemble mit großem Eifer und Souveränität sang. Das Publikum hat sich an sie bereits gewöhnt und es ist fraglich, ob Niebel dasselbe Engagement aufbringen wird oder ob er nur die Gelegenheit ergriffen hat, auf diese Weise einen eigenen Eintrag im Opernführer zu erhalten.
Annette Schavan: Ministerin für Bildung und Forschung
Auch sie übernimmt dieselbe Rolle aus der letzten Spielzeit und ist damit neben der Ersten Sopranistin Merkel, dem “Mädchen für alles” von der Leyen und der bayrischen Quotenfrau Aigner das einzige Ensemblemitglied, das seine alte Rolle behält. Bei ihr ist es allerdings eher die Not, dass es für sie keine brauchbare andere Rolle gibt, die sie singen könnte. Die meisten Rollen sind zu anspruchsvoll für ihre Stimme und so bleibt sie einfach Bildungsministerin, denn da hat sie nicht so viel zu singen. Im Orchester würde sie die Becken schlagen, sie hätte zwei, drei Einsätze während einer ganzen Symphonie und dann würde sie den Einsatz vermutlich sogar noch verpassen. Daran ist sie selbst aber nicht unschuldig, denn in ihrer Rolle als führende Altstimme der baden-württembergischen Landesregierung hat sie in der Föderalismuskonferenz die Partitur des Bundesbildungsministeriums deutlich zusammengestrichen. War ihr das als Landesministerin noch äußerst angenehm, darf sie in Berlin zumeist nur noch zuschauen und gelegentlich im Takt klatschen.
Naja, ich bin sehr gespannt, ob dieses Stück eine Verlängerung über diese Spielzeit hinaus bekommt und ob nicht ein paar der Darsteller schon mitten während der Spielzeit ausgewechselt werden.
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October 25th, 2009 at 20:10
habe herzlich gelacht.
allerdings heißt es: “mutti” und nicht mama