In Frankreich ist die Zahl der unter 15-Jährigen, die nach Alkoholkonsum ins Krankenhaus gebracht werden mussten, in den letzten Jahren 5 Jahren über 50 Prozent gestiegen.
Daraus könnte man man meiner Meinung nach einige Schlüsse ziehen:
man könnte z.B. argumentieren, dass Kinder, die anständig erzogen sind, eher (sicher keine Korrelation von 1, aber eine von 0.3 wäre auch schon spannend) lernen werden, “nein” zu sagen, und einem Gruppendruck standzuhalten, v.a. wenn es um wirklich gefährliche Aktionen wie Komasaufen (oder von der Brücke springen) geht. Selbstverständlich stellt der Freundeskreis einen immensen Einflussfaktor dar, aber die Stabilität einer Persönlichkeit hängt eben zweifelsfrei auch von der Erziehung ab. Man könnte darüber hinaus anführen, dass das Bildungsniveau der Jugendlichen vielleicht abgenommen hat, oder das Interesse an Bildung per se. Man könnte überlegen, ob Eltern schlicht nicht mehr genug Zeit mit ihren Kindern verbringen können, aufgrund von Berufstätigkeit oder ähnlichem. Man könnte sich ansehen, ob vielleicht der Anteil von Alkoholismus in der Erwachsenenbevölkerung zugenommen hat, und schlussfolgern, dass Komasaufen bei Jugendlichen (ein ritualisiertes Verhalten, was deswegen “cool” ist, weil Alkohol eben etwas Erwachsenes darstellt) offensichtlich positiv mit Alkoholismus bei Erwachsenen in der gleichen Population korreliert.
Daraus wieder könnte man Interventionen ableiten:
Eltern müssen wieder mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können; es sollte staatliche Aufklärungsprogramme geben, die Zusammenhänge schildern; in den Kindergärten und Schulen sollte versucht werden, den Kindern etwas mehr Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, ihnen beizubringen, bei Unsinn wirklich “nein” sagen zu können, und ihnen aufzuzeigen, dass man nicht jeden Mist mitmachen muss.
Und die “Vorbildfunktion” der Erwachsenen sollte in diesem Punkt überdacht werden. Wenn es in einer Gesellschaft “cool” ist, Neurotoxin in sich hineinzugießen, darf man sich schließlich nicht wundern, wenn Kinder das nachahmen.
All das könnte man tun.
Was wird getan?
- Tankstellenbetreiber dürfen Alkohol fortan nur noch zwischen 8 und 18 Uhr verkaufen.
- Das Mindestalter für den Kauf von Getränken wie Wein und Bier wird auf 18 Jahre heraufgesetzt.
- Bei Zuwiderhandlungen drohen den Verkäufern hohe Bußgeldstrafen.
Anstatt mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, anstatt mit der Gesellschaft zu arbeiten, anstatt Ursachen zu suchen, und sinnvolle, langfristige präventive und interventive Konzepte zu erarbeiten, entmündigt man die Kinder und Jugendlichen einfach. Man gibt damit meiner Ansicht nach entweder offen und ehrlich zu, die Zusammenhänge nicht verstanden zu haben (was ein Armutszeugnis wäre), oder die Zusammenhänge absichtlich zu ignorieren (was in höchsten Maße traurig wäre).
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March 10th, 2009 at 23:47
Sehr gute Entwicklung, die ich für total sinnvoll halte! Klar, es ist nur ein herumdoktorn an den Symptomen und keine ganzheitliche Strategie, die auf die Ursachen gerichtet ist. Aber das ist auch der Unterschied zwischen Verhaltenstherapie und Psychoanalyse (auf jeden Fall an der Oberfläche…bitte keine Diskussion über Psychoanalyse anfangen).
Beispiel Alkopops: Die süße, Alkohollimonade wurde doch so verteuert (war das eigentlich über Steuern?), dass der Absatz bei Jugendlichen/Kinder total eingebrochen ist.
Die Zigarettenteuerung war so erfolgreich, dass die Bundesregierung damals eine weitere Erhöhung zurückgenommen hat aus Angst vor einem Steuerausfall. Die Strategie “Verringerung der Verfügbarkeit” kann also erfolgreich sein.
Gegenteilige Frage: Was meinst du würde wohl passieren, wenn man das Abgabealter senken würde und die Verfügbarkeit erhöhen würde? Vorraussichtlich würde noch mehr von den Jugendlichen konsumiert.
Sicher ist es besser, schöner usw. wenn man direkt mit den Jugendlichen arbeitet. Die Ursachen (gewalttätige, alkoholabhängige Eltern, fehlendes Selbstvertrauen, keinerlei Selbst-Identifikation,…) bedingen ja nicht nur Alkoholkonsum, sondern viele weiteren “a-soziale” Verhaltensweisen (Gewalt, Kriminelle Energie, Sexuelle Verrohung, usw…).
Auf der anderen Seite ist das Symptom des starken, regelmäßigen Konsums von Alkohol schon in frühen Jahren wiederum so ein starker Auslöser für weitere schwerwiegende, negative Symptome, dass AUCH ein lineares, direktes Bekämpfen des Symptoms “Alkohol” sinnvoll ist!
Finito :)
March 11th, 2009 at 00:12
Natürlich macht es Sinn, über die Abgabe von problemverursachenden Substanzen zu diskutieren. Und ja, die beiden Erhöhungen der Tabaksteuer damals haben zu einem starken Rückgang (knapp 20%) der Zigarettenkäufe geführt, so dass die dritte Stufe ausgesetzt wurde.
Auf der anderen Seite muss man hier aber auch aufpassen, ob man damit nicht einen sehr einfachen Weg wählt, und damit Probleme als gelöst abtut, die damit nicht gelöst sind.
Das ist hier meiner Meinung nach mal wieder geschehen.
In Deutschland haben wir pro Jahr an die 150.000 Tote durch Alkoholismus/ übermäßigen Alkoholverzehr (Quelle: statistisches Bundesamt, 2006). Und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Großteil davon unter 18 ist. Wir haben ein ganz massives, strukturelles Drogenproblem. Und das muss beim Namen genannt werden!
Das heißt nicht, dass ich dafür bin, Heroin an 14-Jährige abzugeben. Natürlich muss man hier Kompromisse finden. Aber wenn sich ein 17-Jähriger an einer Tanke Bier kauft, finde ich ehrlich gesagt nicht problematisch.
Ich finde es eher problematisch, wenn ein 17-Jähriger sich an der Tanke kein Bier mehr kaufen kann.
Schau dir z.B. die Alabamahalle in München an: die haben einen Krankenwagen davor stehen, stationär, weil es dort jeden Abend Alkoholleichen gibt. Und ob du jetzt 17 oder 19 Jahre alt bist … du bist dem Gruppendruck unterworfen, du hast kein dolles Ego, du bist eine Alkoholleiche.
Ich denke nicht, dass man das in den Griff bekommt, indem man jetzt Alkoholkonsum unter 18 verbietet.
Mehr und mehr Verbote führen zu keiner mündigeren Gesellschaft.
Hm.