Das baden-württembergische CDU Vorstandsmitglied Thomas Volk und der Berliner FDP Fraktionschef Markus Lindner haben vorgeschlagen, nur noch diejenigen Menschen den Zutritt zu Weihnachtsgottesdiensten zu erlauben, die Kirchensteuer zahlen.
Nun ist mir das persönlich völlig egal, aber es lässt sich ein bedenklicher Trend beobachten: auf der einen Seite hat die Kirche in Deutschland als Institution eine herausragende Vormachtsstellung – siehe z.B. den an Schulen allgegenwärtigen Religionsunterricht (und diese lebenswerte Ausnahme), die Mitbestimmung über die Besetzung nicht-religiöser Lehrstühle an Universitäten, das Veto bei der Einstellung konfessionsloser Menschen an Einrichtungen, die von der Kirche gefördert werden – auf der anderen Seite wird die Nutznießerschaft der Kirche immer kleiner, da die Anzahl gläubiger (lese: offiziell in der Kirche eingeschriebener) Menschen immer weiter sinkt.
Und nun sollen sogar Weihnachtsmessen nur noch für Kirchensteuerzahler offen sein … spannend ist dabei natürlich, dass viele sehr gläubige und erzkonservative Rentner, die zum Hauptklientel der Kirchen gehören, keine Kirchensteuer zahlen, weil sie Rentner sind.
Ironie des Schicksals, dass heute Anders- und Nichtgläubigen der Zutritt zur Kirche verwehrt werden soll? Das wäre ein interessanter Politikwechsel … schließlich hat die christliche Kirche eine lange Geschichte, in der sie eher ein gegenteiliges Ziel verfolgt hat: entweder wurden Andersgläubige diffamiert, gefoltert und abgeschlachtet (Beispiel: Kreuzzüge), oder man hat Andersgläubige auf zumeist brutale Art und Weise ihres eigenen Glaubens und damit ihrer kultureller Wurzeln beraubt, und ihnen den christlichen Glauben aufgezwungen (siehe die jahrhundertelange Missionierung in Afrika und Südamerika, die bis zum heutigen Tage andauert).
“Ihr wollt die Lehren von Jesus Christus kennenlernen und mehr über sein Leben und den christlichen Glauben erfahren? Sorry – geschlossene Gesellschaft.”
— via tagesschau.de
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December 28th, 2008 at 17:18
Immer wieder schön, wenn unpolemisch über religiöse Themen gesprochen wird ;)
Im Ernst:
Ich finde es viel seltsamer, dass Menschen, die für den Erhalt der Institution Kirche kein Geld ausgeben wollen, zum dritthöchsten (und in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommenen) Kirchenfest wie blöd brav in die Gotteshäuser strömen um sich an….wohl kaum am Glauben, sondern vielmehr an der Gemeinschaft der Feiernden innerlich zu wärmen.
Natürlich widerspricht es dem christlichen Gedanken nur dem zu geben, der selbst gibt – aber gleichzeitig zeichnet sich jede Gemeinschaft durch die nach Kräften mögliche Unterstützung aller Mitglieder aus. Ich persönlich empfinde alles andere als eine weitere Art des Nutznießertums oder gar parasitären Wesens, das sich immer mehr in der Gesellschaft breit macht. Sowas muss aber jeder mit sich selbst ausmachen, daher kam die Forderung zum Aussperren der Nichtzahler auch nicht von der Kirche sondern von Politikern, die ihr eigenes Profil so schärfen wollen.
December 29th, 2008 at 01:15
Ja, ich finde es natürlich auch interessant, dass ein Großteil der Messebesucher Menschen sind, die zu Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen, und sonst nicht – einig sind wir uns wohl auch darin, dass gerade die Kirche aber die letzte Institution ist, die Menschen Zugang verwehren darf.
Zur Polemik … das ist mehr Verbitterung als böser Wille. Ich habe gerade einen Beitrag auf tagesschau.de gesehen: ein spanischer Kardinal hat mal wieder gegen Abtreibung und Homosexualität gewettert, und Zehntausende haben gejubelt. Das ist für mich so unglaublich verblendet, dass es mich traurig und wütend macht.
Diese Menschen folgen lieber antiquierten Doktrinen, als ihren eigenen Verstand einzusetzen … alles was alt ist, ist gut, das steht schließlich so in der Bibel … Moment, in der Bibel steht auch, dass Frauen wie Tiere behandelt werden sollen, dass Mann Feinden die Haut abziehen soll, und die “Jungfrau” Maria ist nachweislich ein Übersetzungsfehler … und Moment, fast alle elementaren Rechte, die der Mensch sich in den letzten etlichen hundert Jahren erkämpft hat (z.B. Gleichberechtigung der Frau, Demokratie), musste er GEGEN die Kirche emanzipieren … Leute, macht die Augen auf.
Religion ist was Tolles, aber es muss ein bisschen verantwortungsvoller gelebt werden.
December 29th, 2008 at 10:48
Nur, weil sich deine Werte nicht mit den Werten anderer Menschen decken, müssen sie nicht “besser” oder “schlechter” sein – sie sind halt anders ;)
Man *könnte* auch argumentieren, dass AIDS sich nur durch die Öffnung der gesellschaft gegenüber Homosexualität verbreiten konnte und diese Form des Zusammenlebens dem Weiterbestehen unserer Art auch nicht wirklich weiterhilft, dass die Probleme unserer modernen Gesellschaft sich zu großen Teilen bis zur Emanzipation der Frau zurückverfolgen lassen und es sich über Jahrtausende bewehrt hat, dass Frauen nur putzen oder dass Demokratie weit abseits der besten Staatsform ist sondern nur diejenige darstellt, die den wahrhaft Herrschenden ein ruhig gestelltes tumbes Wahlvolk im Gegensatz zu einer revolutionären Unterschicht bescheren.
Wie gesagt: Man *könnte* ^^
Welche Sicht der Dinge und welche Prioritäten im Bezug auf die Bewertung von historischen und volkswirtschaftlichen Fakten angelegt werden ist nun mal eine recht subjektive Sache.
December 29th, 2008 at 12:03
Nun, “ohne Gott ist alles erlaubt” – auf dieser hochplausiblen Prämisse basierend ist deine Einstellung nachvollziehbar, dass es keine “besseren” oder “schlechteren” Werte gibt. Damit wirst du allerdings handlungsunfähig, wenn du konsequent bist.
Auf einer religiösen Doktrin basierend sagt jede Religion von sich, dass sie die besseren, weil objektiv korrekten Werte verfolgt, die von ihrem jeweiligen Gott vorgegeben wurden.
Wie dem auch sei: Menschen stellen ihre Werte ständig über die anderer, und es ist auch notwendig. Ich kann nicht in der UBahn einschreiten, wenn zwei junge Leute eine alte Dame ausrauben wollen, wenn ich nicht sagte: meine Werte sagen mir, dass das hier klar falsch ist, dass die Werte dieser Menschen “schlechter” sind. Das widerspricht augenscheinlich dem, was du oben schreibst, ist aber meiner Meinung nach Grundlage für sehr viele soziale Handlungen.
Zum zweiten Teil:
Man *könnte* auch argumentieren, dass Menschen nur deswegen soziale Probleme haben, weil sie nicht eingelegt in kleinen Parzellen, gestapelt in großen hochtechnisierten Kisten und an viele Maschinen angeschlossen herumliegen; man *könnte* argumentieren, dass jedes Jahr viele Menschen an Grippe sterben, weil sie soziale Kontakte pflegen und sich hier anstecken, anstatt sich alleine irgendwo einzusperren; man *könnte* argumentieren, dass hätte man sich der Mensch nicht vom Affen entwickelt, wird dieses ganze Dilemma jetzt nicht hätten!
Aber das wäre schlicht dumm und kurzsichtig, wie die Sachen, von denen du schreibst, dass man sie sagen könnte.
Der Mensch steht heute vor großen Problemen – und wir lösen sie nicht, indem wir uns der Werte, die wir uns in einem Jahrtausende währenden Kampf der Aufklärung gegen (oftmals religiöse) Borniertheit und Verbohrtheit emanzipiert haben, entledigen, sondern indem wir die Natur des Menschen als animal rationale akzeptieren, und darauf basierend versuchen, die Probleme zu lösen.
December 30th, 2008 at 09:39
Hrm: Ich will es nicht tun, also lass mich bitte nicht meine Unterlagen über Konstruktivismus heraussuchen um einen lückenlosen Vortrag darüber halten zu können warum “Objektivität” nicht existieren und – genau wie “Wahrheit” – nur eine Illusion darstellt.
Das als Fakt gesetzt kann es auch keine “besseren” oder “schlechteren” Werte geben – ganz abseits jeder thoelogischen Argumentation. Es gibt höchstens vom eigenen Kollektiv anerkannte oder abgelehnte Werte, die dann einfacher Weise als “besser” oder “schlechter” bezeichnet werden – in anderen Kollektiven aber beispielseise gegenteilig bewertet werden oder gar nicht bekannt sein könnten.
Omabeispiel: In einer anarchischen Welt – oder auch nur aus den Augen eines konsequenten Anarchisten gesehen – wäre es schlecht, schwache Individuen nur um des Gedankens wegen zu schützen anstatt sie zum wohle der Stärkeren um ihr Geld zu erleichtern. Wenn allerdings zu erwarten ist, dass der Schutz der Oma langfristig größeren Nutzen bringt, sieht es anders aus….weswegen sich Anarchismus ja auch nie durchsetzen kann ( ;-) ) aber mit Werten muss das nichts zu tun haben.
Selten stehen Menschen morgens auf und denken sich: “Heute werde ich mal echt unmoralisch und böse sein.”
Aus der eigenen Perspektive ist das, was man tut meistens hochgradig sinnig und damit mit irgendwelchen Werten vereinbar – andere müssen das natürlich nicht so sehen. Aber von objektiv “besseren” oder “schlechteren” werten sprechen zu können ist eher……etwas kurz gegriffen, fürchte ich.
December 30th, 2008 at 10:40
Ich bin ja selbst Agnostiker und radikaler Konstruktivist … ich wollte nur aufzeigen, dass ein wahrhaft religiöser Mensch diese Einstellung nicht haben kann, weil er davon ausgehen muss, dass Gottes Gesetze objektiv richtig sind, UND dass er , der Mensch, sie darüberhinaus auch noch korrekt verstanden hat (sonst könnte er ja nicht nach ihnen handeln).
Natürlich ist Moral Willkür – wie ich oben schrieb, ohne Gott ist alles erlaubt. Natürlich gibt es keine besseren und schlechteren Werte.
Aber es ist unmöglich, diese radikale agnostische Position konsequenz aufs Handeln zu übertragen, denn dann könnte man nicht mehr Handeln.
December 31st, 2008 at 14:03
und mir scheint ausgerechnet im ländle und in der hauptstadt haben zwei politiker ihre profilneurose ausgelebt. ganz nach dem moto: “hallo hier bin ich!”