extremisten, steine, und köln

Ich würde in diesem Beitrag gerne 3 Punkte machen: (1) zu Nationalismus, (2) zu Extremismus, und (3) zum Anti-Islamisierungskongreß in Köln.

(1) Ich bin kein “Nationalist”, im Gegenteil - ich bin der Überzeugung, dass (fast?) jede Grenzen, wie sie heute existiert, doch im Grunde aufgrund eines Krieges entstanden ist, der nach heutigem Völkerrecht als illegal eingestuft werden würden. Grenzen sind, gewissermaßen, willkürlich. Daraus entsteht das gleiche Argument wie für Religionen: Menschen, die in einem Gebiet geboren werden, in der Religion X vorherrscht, werden auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an diese Religion glauben, und andere Religionen für falsch halten. Ziemlich absurd, wie ich finde.
So verhält es sich auch mit Nationalismus - wenn jemand in Deutschland geboren wird, wird er im Regelfall Deutschland auf und andere Länder abwerten. Wieso freuen sich die Deutschen, wenn die Deutschen im Fußball gewinnen?
Grundlage dafür sind basale psychologie ingroup-outgroup Effekte, die darauf basieren, dass Menschen programmierte Xenophobiker sind. Das ist keine Ausrede für Verhalten; ich bin lediglich der Überzeugung, dass wir hier einige Mechanismen in unserer Hardware besitzen, die solche Prozesse unterstützen (bei Interesse: z.B. das Lehrbuch von Buss “evolutionäre Psychologie,”, 2004 wenn ich mich Recht entsinne).

(2) Der zweite Punkt, den ich gerne machen möchte, ist dass in Deutschland - gerade unter jungen Leute - Rechtsradikale als böse, Linksradikalismus allerdings als durchaus positiv angesehen wird; dem kann ich mich nur entschieden entgegenstellen. Es kommt so oft vor - z.B. bei den Demonstrationen zum ersten Mai - dass Rechte einen Aufmarsch organisieren (der legal ist, und deshalb von der Stadt genehmigt wird), dass die Rechten sich an ihre selbstaufgestellten Regeln halten (Befehle befolgen können sie offensichtlich ganz gut), dass die Polizisten die Rechten vor den Linken schützen müssen (das ist ihre Aufgabe, und das ist auch richtig so - nur weil jemand eine Glatze hat, darf man ihn noch längst nicht steinigen); Linke werden dann massenhaft gewalttätig werden, und die Leidtragenden sind die Polizisten.
Ich war auf den 1. Mai Demonstrationen 2003 und 2004, hier waren ~ 2.000 Rechte, ~4.000 Polizisten und ~ 8.000 Linke zugegeben. Fazit war in beiden Fällen, dass viele Linke verhaftet und einige Polizisten (zum Teil schwer) verletzt worden waren.
Das kann ich einfach nicht gut heißen … natürlich muss ich hin und wieder schmunzeln, wenn ein Nazi eins auf die Mütze bekommt (lese: eine Wasserbombe hinterhergeworfen, ich rede hier nicht von Körperverletzung), aber richtige Gewalt ist in dieser Spirale sicher keine Lösung.
Mich wundert es daher, dass Linksautonome nicht ebenso gesellschaftlich “geächtet” werden wir Neonazis - sie mögen politisch auf einem anderen Spektrum sein (auch hier lehne ich beide Seiten ab - ich bin kein Nationalsozialist, ebensowenig heiße ich Anarchie gut), auf dem anderen Spektrum der Radikalität allerdings unterscheiden sie sich nicht.

(3) Köln: Wie ihr wisst war dieses Wochenende in Köln der sogenannte “Anti-Islamisierungskongress”. Ich habe darüber sehr verschiedene Informationen im Internet gefunden, und bin nach wie vor nicht ganz sicher, was davon Propaganda (auf beiden Seiten) war und was nicht. Man muss ja auch fairerweise sagen, dass man in Deutschland nicht viel sagen muss, um (fälschlicherweise) von einigen Gruppierungen als Neonazi hingestellt zu werden (ein gutes Beispiel in diesem Fall ist Bert Hellinger, der zwar meiner Ansicht nach ein gemeingefährlicher Spinner ist, aber sicher kein Nazi).
Fakt scheint in jedem Fall zu sein, dass dort auch viele Rechte mit sehr bedenklichem Gedankengut zugegeben waren (darunter offensichtlich viele aus Belgien und Italien angereiste Neonazis). Nun ist das passiert, was ich mir in Leipzig schon seit so langer Zeit wünsche: die Menschen der Stadt sind auf die Straße gegangen und haben gesagt: “nein, euch wollen wir hier nicht”. Und zwar weniger die Linksautonomen (die es auch gab, und der Polizei massive Schwierigikeiten gemacht haben, die im Gegensatz zu den rechten verhaftet wurden und Polizisten verletzte haben) - sondern einfach Bürger wie du und ich.
Als die Kongressteilnehmer z.B nach einer Rundfahrt auf einem Boot am Steg anlegen wollten, wurde der Steg 5 Stunden blockiert; als sie endlich anlegen konnten, haben sich die Busfahrer geweigert, sie zu transportieren - und auch die Taxifahrer haben sie schlicht nicht befördert. Abendessen gab es nicht (der Wirt hat, als er erfuhr, wer da bei ihm Speisen will, die Gäste kurzerhand rausgeschmissen - sie hatten die Räumlichkeiten für eine “Geburtstagsfeier” reserviert), und das Holiday Inn hat sie, nachdem bekannt wurde, dass es sich nicht um einfache Touristen handelt, auch nicht übernachten lassen.
Quellen:
NRHZ
Fefe’s Blog
Köln Stadtanzeiger

Comments

  1. HJW said:

    Zu Punkt 1 und 2 volle Zustimmung.

    Zu Punkt 3 eigentlich auch. Mich stört nur, dass es hier auch zu Rechtsverletzungen gekommen ist. Gerade das Bus- und Taxifahrer die Beförderung verweigert haben, finde ich eher bedenklich (-> Beförderungspflicht).
    Das ein Gastwirt sie raus schmeißt, nachdem sie die Räumlichkeiten unter falschem Vorwand gemietet haben, ist mMn in Ordnung. Wie es mit dem Holiday Inn aussieht, weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber ich glaube, das liegt in einer Grauzone.
    Demonstrieren gegen Rechts JA und wo immer möglich und sinnvoll, aber bitte im rechtlichen Ramen.

  2. Joe said:

    Hrhr - immer wieder toll, stundenlang auf Münchens Straßen unterwegs zu sein:

    Eben sitze ich nichts böses ahnend am Odeonsplatz und bemerke mit der Zeit ein stark ansteigendes Polizeiaufgebot auf dem Platz: Mit Helm und Schlagstock teilten sich die Damen und Herren in Zweiergrüppchen in der Umgebung auf und schickten auch eine starke Abteilung in die Ubahnstation- die grün-weißen Partybusse standen bereit.
    Nach ner guten halben Stunde kamen dann nicht, wie ich eigentlich dachte, aggressiver Haufen betrunkener Fußballfans oder ähnlich unerfreuliches Volk - sondern Abtreibungsgenger.
    Vorne weg drei Reihen schwarz gewandeter Polizeitruppen, an den Seiten wie beim Kastortransport je eine lange Reihe Beamter - und in der Mitte vielleicht 200 singender Abtreibungsgenger mit weißen Kreuzen und einem Plakat.
    Man konnte sich schon fragen, wer hier vor wem geschützt wird, bis am Ende der Prozession ein kleiner Haufen schwarz angezogener Zivilisten ankam - vom Rest der Gruppe abgeschirmt.
    Auf Anfrage erklärte einer der älteren Polizisten am Platz folgendes:
    Die Demo der Abtreibungsgegner war angemeldet und wie erwartet friedlich. Irgendwann mischten sich Rechte unter die Demonstranten (wusste gar nicht, dass die für den Schutz Ungeborener sind) und verhielten sich soweit auch ruhig. Probleme gab es erst, als Autonome darauf aufmerksam wurden und gegen die ganze Demonstration Stimmung machten.
    “Alles ein wenig Verwirrend heute - wir hatten schon eine Menge zu tun” - arme Polizei, lustiges Schauspiel :D

  3. E. said:

    Oh Mann, das klingt in der Tat absurd … vielleicht waren die Rechten nicht für Abtreibung, sondern wollten ein bisschen demonstrieren? Und vielleicht waren die Linken nicht gegen Abtreibung, sondern gegen die Rechten?

    Fragen über Fragen :)

  4. Joe said:

    Das Rechte in dem Zug waren, habe ich erst durch den Polizisten erfahren - die waren sonst gar nicht zu erkennen.

    Die Linken haben die Sache nur begleitet - aber durch die ganze Pozilei konnten die auch nichts mehr anderes tun…und wollten wohl wirklich erstmalig die ganze Demo kippen, weil eben Rechte mitmarschiert sind.
    Vielleicht wussten sie von rechten Gruppen, die da mitgelaufen sind, ohne für Rechts Stimmung zu machen…man weiß es nicht^^

  5. E. said:

    Wenn ich ab jetzt also nicht will, dass eine Demo stattfindet - weil ich sie doof finde - dann rufe ich bei den Linken an und behaupte, es wären Rechte im Zug :p …

  6. Joe said:

    könnte klappen :D

Add A Comment

© 2008 revelation of silence
Designed by NET-TEC Hosting -- Made free by Trauringe | Fertiggaragen | Kredit