Ich spare mir diesmal eine ausführliche Rezension, da sie dem Buch nicht gerechet werden könnte – Camus schafft es, in dem Buch Menschen mit verschiedenen Menschenbildern gleichberechtigt auftreten zu lassen und ihre Geschichte zu erzählen, und überlässt es dem Leser, eine für Camus selbst selbstverständliche Wahl zu treffen.
Das Buch soll für sich selbst sprechen:
- – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - -
Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: “Er kann nicht lange dauern, er ist zu unsinnig.” Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre.
Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben.
Ein Mann, der arbeitet, die Armut, die sich langsam verschließende Zukunft, das Schweigen der Abende am Familientisch – in solch einer Welt war kein Platz für die Leidenschaft. Wahrscheinlich hatte Jeanne gelitten. Dennoch war sie geblieben: es kommt vor, dass man lange leidet, ohne es zu wissen. Jahre waren verflossen. Später war sie fortgegangen. Natürlich nicht alleine. “Ich habe dich sehr geliebt, aber nun bin ich müde … Es macht mich nicht glücklich, fortzugehen, aber man braucht ja nicht glücklich zu sein, um neu anzufangen.”
Man wird des Mitleids müde, wenn das Mitleid nutzlos ist.
Die Menschen sind eher gut als böse, aber in Wahrheit dreht es sich gar nicht um diese Frage. Aber sie sind mehr oder weniger unwissend, und das nennt man dann Tugend oder Laster. Das trostloseste Laster ist die Unwissenheit, die alles zu wissen glaubt und sich deshalb das Recht anmaßt zu töten. Die Seele des Mörders ist blind, und es gibt keine wahre Güte noch Liebe ohne die größtmögliche Hellsichtigkeit.
“Ich habe ein wenig über den Mut nachgedacht. Jetzt weiß ich, dass der Mensch zu großen Taten fähig ist. Aber wenn er zu keinem großen Gefühl fähig ist, interessiert er mich nicht.”
— “Man hat den Eindruck, dass er zu allem fähig ist.”
“Eben nicht. Er ist unfähig, lange Zeit zu leiden oder glücklich zu sein. Er ist also zu nichts fähig, das Wert hätte.”
Die Gewöhnung an die Verzweiflung ist schlimmer als die Verzweiflung selbst.
Sie setzten gewissermaßen auf Zufall, und der Zufall gehört niemandem.
In dieser einen Beziehung hat er Unrecht, und darin ist er schwerer zu verstehen als andere Menschen. Aber schließlich verdient er deshalb auch mehr als andere, dass man ihn zu verstehen sucht.
Und schließlich merkt man, dass niemand fähig ist, wirklich an jemanden zu denken, auch im schlimmsten Unglück nicht. Denn wirklich an jemanden denken, heißt, Minute auf Minuten an ihn denken, ohne sich ablenken zu lassen, weder von Haushaltssorgen, noch von der vorbeisurrenden Fliege, noch vom Essen, noch vom Jucken. Aber es gibt immer Fliegen und Juckreize. Darum ist das Leben so schwer zu leben.
Ich habe die unumstößliche Gewissheit (ja, ich weiß alles vom Leben, Sie sehen es wohl), dass jeder die Pest in sich trägt, weil kein Mensch, nein, kein Mensch auf der ganzen Welt frei davon ist. Und dass man sich ohne Unterlass überwachen muss, um nicht in einem Augenblick der Zestreutheit dazuzukommen, einem anderen ins Gesicht zu atmen und ihm die Krankheit anzuhängen. Was naturgegeben ist, das sind die Mikroben. Alles übrige, die Gesundheit, die Rechtlichkeit, die Reinheit, wenn SIe wollen, ist eine Folge des Willens, und zwar eines Willens, der nie erlahmen darf. Der ehrliche Mensch, der fast niemanden ansteckt, ist jener, der sich am wenigsten ablenken lässt. Und wieviel Willen und Anspannung sind nötig, um nie zerstreut zu sein! Ja, es ist sehr anstrengend, pestkrank zu sein. Aber es ist noch anstrengender, es nicht sein zu wollen. Deshalb sind alle Leute so müde, weil heute alle Leute ein wenig pestkrank sind. Aber deshalb erleben einige wenige, die nicht mehr krank sein wollen, eine so übergroße Erschöpfung, von der sie nichts mehr befreien wird als der Tod.
“Eigentlich”, sagte Tarrou schlicht, “möchte ich gerne wissen, wie man ein Heiliger wird”.
— “Aber Sie glauben ja nicht an Gott.”
“Eben. Kann man ohne Gott ein Heiliger sein, das ist das einzig wirkliche Problem, dass ich heute kenne.”
— “Wissen Sie, ich fühle mich mit den Besiegten enger verbunden als mit den Heiligen. Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.”
“Ja, wir suchen das gleiche, nur bin ich weniger anspruchsvoll.”
Er wusste, was der alte, weinende Mann in dieser Minute dachte, und er dachte wie er, dass diese Welt ohne Liebe eine tote Welt war und dass immer eine Stunde kommt, da man der Gefängnisse, der Arbeit und des Mutes müde ist und nach dem Antlitz eines Menschen und dem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen verlangt.
Er war sich bewusst, wie unfruchtbar ein Leben ohne Illusion ist. Es gab keinen Frieden ohne Hoffnung.
Wenn es etwas gibt, dass man immer ersehen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen.
[Danke, liebe S., fürs Ausleihen. Das Buch hat mir so gut gefallen, dass ich mittlerweile mein eigenes Exemplar besitze]
Home
Photography
June 8th, 2008 at 13:22
da ich beinnahe nichts so sehr liebe wie dieses Buch, danke ich dir für die Zitate und die Macht seiner ganz eigenen Sprache (auch wenn die Übersetzung wundervoll ist)
*seufz* hätte ich es nicht auf Französisch, so würde ich es ja fast vermissen…. ich vermiss es dennoch ;)
June 8th, 2008 at 13:28
Bald, Liebste, bald hälst du es wieder in den Händen :)