Hier eine sehr gute wissenschaftliche Abhandlung ueber den Agnostizismus – vielen Dank an die Autorin und Freundin Andrea F., bei der alle Rechte liegen.
Der Artikel liegt auch im rtf Format vor.
(Und an den Herrn Professor: um jeglichen Plagiatverdacht auszuraeumen wird nochmal versichert, dass ich das Dokument am 19. Oktober 2005 von der genannten Autorin erhalten habe.)
Agnostizismus
Der Begriff Agnostizismus wurde im Jahre 1869 von Thomas Henry Huxley (1825-1895) in die philosophische Fachsprache eingeführt (Rahner 1972: 39). Er bezeichnet eine geistige Haltung, die der Ansicht ist, dass der Mensch vom Metaphysischen, Übernatürlichen, Absoluten nichts wissen könne und daher in seinen Aussagen entsprechend zurückhaltend sein solle (Mächler 1977: 111).
Etymologisch stammt der Begriff von dem griechischen Wort „gnosis“ ab. Dies bedeutet Erkenntnis oder Einsicht und wird durch das Präfix „a“ negiert.
Auch wenn der Ausdruck Agnostizismus jung ist, so ist die Haltung schon bei den griechischen Sophisten zu finden. Bereits Protagoras schrieb: “Von den Göttern weiß ich nichts, weder daß es solche gibt, noch daß es keine gibt” (Deschner 1977: 139).
Im Grunde genommen bestand keine Notwendigkeit für die Schaffung dieses Begriffes, denn er steht in seiner Bedeutung dem schon seit der Antike existierenden Skeptizismus sehr nahe. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal besteht im Umfang dessen, was als nicht erkennbar angesehen wird. Während der Skeptizismus davon ausgeht, dass die Erkenntnisfähigkeit des Menschen insgesamt eingeschränkt ist, beschränkt sich der Agnostizismus darauf die Erkenntnis von Dingen auszuschließen, die den Rahmen des Empirischen übersteigt (Garvie 1955: 215).
Huxley entwickelte den Begriff Agnostizismus um seine eigene geistige Einstellung den Mitgliedern der “Metaphysical Society” gegenüber formulieren zu können. Er wählte dazu den Begriff “a-gnostic”, um seine gegensätzliche Einstellung zu den Gnostikern der Kirchengeschichte auszudrücken, die die Erkenntnis über Bereiche erklärten, von denen Huxley überzeugt war, nichts wissen zu können (Huxley 1889). Er stützte sich bei seiner Argumentation des Agnostizismus insbesondere auf die Teile der Erkenntnistheorien von Immanuel Kant (1724-1804) und Sir William Hamilton (1788-1856), auf die sich schon Henry Longueville Mansel (1820-1871), ein bedeutender Denker der anglikanischen Kirche, in seinem Werk “The Limits of Religious Thought” bezogen hatte. Während Mansel versuchte anhand der Erkenntnistheorien die Autorität der Bibel und der Kirche zu untermauern, nutzte Huxley Mansels Argumente um die Seriosität der Metaphysik zu untergraben (Lightman 1987: 9). Weitere bedeutende Agnostiker des viktorianischen Englands waren John Tyndall (1820-1893) und Herbert Spencer (1820-1903). Wie viele Agnostiker dieser Zeit kritisierten auch sie nicht die von Jesus Christus begründete Religion, sondern verehrten Jesus Christus und seine Lehren und sahen die Bibel als ein Buch großen Wissens und Schönheit an (Lightman 1987: 122). Ihre Kritik galt viel mehr dem degenerierten Zustand des modernen Christentums, welches für sie nur eine Perversion der ursprünglichen Religion darstellte (Lightman 1987: 121). Des Weiteren waren sie davon überzeugt, dass Religion und Naturwissenschaft ohne einander nicht auskommen können. Die Konflikte würden einzig zwischen den Naturwissenschaften und der Theologie, die von der Religion zu trennen sei, liegen (Lightman 1987: 131).
Auch wenn der Terminus Agnostizismus erst 1869 durch Huxley geprägt wurde, verdammte die katholische Kirche die Anschauung schon auf dem ersten Vatikanischen Konzil (1870). Sie formulierte den Lehrsatz, dass auf Grund der Offenbarung Gottes in seiner Schöpfung eine natürliche Gotteserkenntnis grundsätzlich möglich sei. Dementsprechend grenzte sie sich zunächst sehr stark gegen den Agnostizismus ab, da dieser das Übersinnliche für nicht erkennbar hält und der Metaphysik den Status einer Wissenschaft abspricht (Gustafsson 1978: 97). Das zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) erwähnte den Agnostizismus nur noch an einer Stelle als durch den Fortschritt der Naturwissenschaft und Technik möglicherweise begünstigte philosophische Richtung, die jedoch auf Grund ihrer Methode nicht zu den innersten Seinsgründen vordringen könnte (Weger 1993: 242).
Für gewöhnlich werden zwei Hauptströmungen, der reine und der dogmatische Agnostizismus, unterschieden, denen zusätzlich der tragische Agnostizismus entgegengesetzt werden kann.
Der reine Agnostizismus wird auch als “Agnostizismus des Unglaubens” bezeichnet, da dieser die Existenz Gottes weder verneint noch anerkennt, dass der Mensch eine sichere Erkenntnis darüber erlangen könnte. Die Vertreter dieser Form nehmen nur auf der Ebene wissenschaftlicher Beweisführungen zum Gottesproblem Stellung (Gustafsson: 97). Auch der dogmatische Agnostizismus verneint die Möglichkeit objektiv Gewissheit von der Existenz Gottes erlangen zu können. Als “Agnostizismus des Glaubens” räumt er jedoch ein, dass der Mensch auf Grund des Glaubens oder des Gefühls subjektiv von der Existenz Gottes überzeugt sein könne. Dies wird im Wesentlichen damit begründet, dass der Glaube eine Antwort auf ein Bedürfnis, eine tiefe Sehnsucht im Herzen der Menschen ist (Gustafsson: 98). Zusätzlich verbreitete sich die Form des tragischen Agnostizismus. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Form des agnostischen Denkens dürfte Bronislaw Malinowski sein. In einer Rede im englischen Rundfunk 1930 stellte er fest, dass er auf Grund der Wissenschaft Agnostiker sei und an keine positive Religion glauben könne. Trotz allem verspüre er ein Verlangen nach Gott, das er jedoch nicht zufrieden stellen könne (Gustafsson: 99).
Als Agnostiker der Neuzeit werden Hume, Kant (mit Einschränkungen), Comte, Spencer, Darwin, Russell und Camus bezeichnet (Deschner 1977: 139). Im europäischen Kulturraum ist die Meinung, dass sich über die Existenz Gottes rational nichts Verbindliches ausmachen lasse, heute deutlich verbreiteter, als man dies auf Grund der kurzen Anmerkung des zweiten Vatikanischen Konzils annehmen könnte. Dabei wird der Agnostizismus von den Individuen oftmals nicht reflektiert, sondern einfach gelebt (Weger: 242). Wenn aber die Unbegreiflichkeit des Daseins zum heutigen Menschen gehört, so muss die Theologie im Agnostizismus von heute „einen Ansatzpunkt wahrer Gottes-‚Vorstellung‘ sehen“ (Weger: 242). Denn auch im Christentum selbst sind agnostische Ansätze und Traditionen zu finden. So wird von der dialektischen Theologie eingeräumt, dass der Mensch von sich aus nicht in der Lage ist Gott zu erkennen und somit nur die – auf Grundlage der Erkenntnistheorie nicht abgesicherte – Glaubensentscheidung bleibt (Wehovsky 1983: 36). Abschließend kann gesagt werden, dass „theologisches Vielwissen über Gott wie das Zerreden eines Geheimnisses empfunden werden [kann], über das sich der Agnostiker lieber eines Urteils enthält und schweigt“ (Weger: 243).
Literaturverzeichnis
Deschner, Karlheinz. 1977. „Warum ich Agnostiker bin“. In: Deschner, Karlheinz (Hg): Warum ich Christ/ Atheist/ Agnostiker bin. Köln. S. 115-188.
Garvie, Alfred E. 1955. „Agnosticism“. In: Hastings, James (Hg): Encyclopedia of Religion and Ethics, Volume 1. Edinburgh. S 214-220.
Gustafsson, Berndt. 1978. „Agnostizimus III. Ethisch”. In: Krause, Gerhard und Müller, Gerhard (Hg): Theologische Realenzyklopädie Band II. Berlin. S. 96-100.
Huxley, Thomas Henry. 1889: Agnosticism. Collected Essays V. Electronic Document. [19.09.2005] http://aleph0.clarku.edu/huxley/CE5/Agn.html
Lightman, Bernard. 1987. The Origins of Agnosticism: Victorian Unbelief and the Limits of Knowledge. Baltimore and London.
Mächler, Robert; Marti Kurt. 1977. Der Mensch ist nicht für das Christentum da. Ein Streitgespräch über Gott und die Welt zwischen einem Christen und einem Agnostiker. Hamburg.
Rahner, Karl. 1972. „Agnostizismus”. In: Rahner, Karl (Hg): Herders Theologisches Taschenlexikon, Band 1. Freiburg im Breisgau. S. 39-41.
Weger, Karl-Heinz. 1993. „Agnostizismus, II. Theologisch”, In: Kasper, Walter (Hg): Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg im Breisgau. S. 241-242.
Wehovsky, Stephan. 1983. „Agnostizismus“. In: Fahlbusch, Erwin (Hg): Taschenlexikon Religion und Theologie. Göttingen. S. 36.
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October 21st, 2005 at 09:34
Ganz interessant…
Bitte mach beim nächsten langen Text mehr Absätze ‘rein – es liest sich sonst sehr schwer.
Und nein, .rtf ist die bessere Wahl; wenigstens so lange bis Microsoft das .doc Format vollständig freigegeben hat.
October 21st, 2005 at 09:48
Ist formatiert, ich hatte es aus dem rtf reinkopiert, wobei die Absaetze verloren gegangen sind.