Forscher der Universität Seoul haben erstmals die Körperzellen von schwerkranken Menschen geklont und dadurch embryonale Stammzellen von insgesamt elf Patienten gewonnen. Neun der Patienten im Alter zwischen zwei und 56 Jahren sind querschnittsgelähmt, einer leidet an Diabetes, ein anderer an einer Immunschwäche. Die Forscher entkernten Eizellen von Spenderinnen und verschmolzen sie mit Hautzellen der Schwerkranken. Daraus konnten sie embryonale Stammzellen gewinnen.
[...]
Die neue Zellen haben dasselbe Erbgut wie die Patienten und werden deshalb von ihrem Körper nicht abgestoßen. Dadurch würden sich ihre Heilungschancen erheblich verbessern, wenn man die Stammzellen in sie einpflanzen würde.
Lange haben wir darauf gewartet – nun ist es soweit. Ich bin zu der ganzen Angelegenheit gegenüber nach wie vor ambivalent eingestellt: Man kann so vielen Menschen damit helfen, gerade Patienten mit Autoimmun- oder Krebserkrankungen, AIDS, sogar das Weiterwachsen von abgetrennten Nervenendigungen ist damit deutlich näher gerückt; auf der anderen Seite stellt sich natürlich, wie überall, die Frage nach der Grenze: Befinden wir uns auf einer Skala, die stark und schwach ausgeprägt sein kann?
Ein Beispiel: Abtreibung ist das Töten eines Menschen. Dass man sich auf eine Grenze geeinigt hat, wo das gesetzlich toleriert wird (die Abtreibung aufgrund von Implikationen ist legal, das Abtreiben “ohne Grund” innerhalb der ersten 12 Wochen allerdings ist rechtlich illegal, wird aber “nicht verfolgt”), weil das ganze noch nicht so vollkommen wirklich ein “Mensch” ist, ist eventuell notwendig (das möchte ich hier garnicht diskutieren), auf jeden Fall aber willkürlich. Das absichtliche Töten eines alten Mannes ist, so kann man argumentieren, auf der gleichen Skala: Töten ist Töten, und ob ich ein kleines, wehrloses Ding, oder einen alten wehrlosen Mann töte, ist zwar ein Unterschied, liegt aber auf der gleichen Ebene. Ich spreche hier von Abtreibung ohne Implikationen (z.B. aufgrund von Gefahr für die Mutter oder Aufgrund von Vergewaltigung).
Und Einschränkungen auf einer Skala sind immer irgendwie willkürlich. Und Willkür ist immer schwer zu rechtfertigen.
Hwang und seine Kollegen gelten als seriös und betonten erneut, ihre Methoden dürften nicht zum Klonen kompletter Menschen dienen. Dieses reproduktive Klonen müsse man gesetzlich verbieten.
Hier wird nun auch eine Einschränkung getroffen, auf dieser Skala, die sagt: Zellen, also Teile von Organismen, klonen, ist in Ordnung, aber das Klonen ganzer Menschen nicht.
Wie steht es denn nun mit Organen? Das Klonen einer Leber sollte in Zukunft relativ einfach von statten gehen können, allerdings doch deutlich leichter in einer passenden Umgebung: Ein Ersatzteillagermensch. Medizinisch hochfunktional wäre es, wenn bei unserer Geburt eine Kopie von uns angelegt würde, die dann, ohne Bewußtsein und Gehirnaktivität, künstlich ernährt und beatmet, irgendwie herumliegt, und die wir im Ernstfall ausweiden können – wir hätten definitiv keine Probleme mit Abstoßung von Organen und ähnlichem.
Das ist reproduktives Klonen, und zwar sehr wohl zu medizinischem Zwecke.
Die Diskussion ist schwierig und wird die nächsten Jahrzehnte sicher nicht verstummen. Und vielleicht sind willkürliche Grenzen besser als keine?
[Quelle: tagesschau.de]
Home
Photography
May 20th, 2005 at 13:19
Ich denke, wir müssen uns unsere Grenzen selbst schaffen, denn wir befinden uns in einer Zeit, in der sich immer mehr natürlich Grenzen auflösen.
Meine Einstellung ist auch ambivalent – einerseits helfen können und die Wissenschaft voranbringen, andererseits vielleicht einen Leviathan entfesseln.
Posiitv aufgefallen ist mir, dass sich der Arzt/Forscher selbst wertend zu dieser Technik äußert. Es ist wichtig, dass sich die Akteure nicht wie Auftragsempfänger verhalten und die Politik alleine entscheiden lassen, sondern sich aktiv einmischen.
Kritisch ist natürlich, dass es auch radikale Stimmen aus anderen Richtungen gibt, wie z.B. Professor Wolf Singer, der mehr versucht, mit halbgaren wissenschaftlichen Erkenntnissen seine Meinung zu unterfüttern als die wissentschaftliche Entwicklung ethisch zu überdenken.
Schwierig, schwierig…
May 24th, 2005 at 14:54
Ich dagegen halte es für einen Fehler, die Überwindung natürlicher Grenzen durch willkürliche Grenzen kompensieren zu wollen. Hier besteht m.E. kein logischer Zusammenhang. Es gab schon früher Dinge, die möglich waren, die wir aber nicht für akzeptabel hielten – also beschränkten wir uns. Wenn sich das Spektrum der Möglichkeiten erweitert, erweitert sich zwar zwangsläufig auch der Bereich dessen, das inakzeptabel sein kann – das bedeutet aber nicht, daß die Notwendigkeit der Kompensation besteht.
Natürliche Grenzen *sind* in erster Linie – sie erfüllen aber keinen Zweck oder haben eine moralische Dimension. Vieles mag einen evolutionären Sinn (gehabt) haben – unsere Aufgabe (wissenschaftlicher Art) ist es, die Zusammenhänge zu erkennen. Der Glaube, alles “natürliche” aber sei gut, ist jedoch ein Irrglaube.
Die “Skalenproblematik” haben wir übrigens bereits jetzt und streng genommen auch immer gehabt. Es gibt nichts, das undenkbar ist – und auch vormals als “absolut” gedachte Werte können urplötzlich zur Debatte stehen (Beispiel: Folterverbot –> Daschner). Dies birgt (natürlich) Gefahren und Chancen, ist aber kein neues Merkmal der “heutigen Zeit”.
May 24th, 2005 at 17:57
Wo werden Grenzen gezogen? Es ist möglich, durch gezielter Vorgehen die Menschheit auszulöschen, ich würde sagen, dass gut einem Dutzend Personen dies offensteht (wie viele Nuklearwaffen haben die Amerikaner? Mehrere Tausend auf jeden Fall).
*Das* ist schließlich auch möglich. Und wenn keine willkürlichen Grenzen gezogen werden sollen – allerdings nur diese möglich sind – wo ist dann Schluß? Beim “Möglichen”?
May 24th, 2005 at 20:15
@E.
Grenzen werden dort gezogen, wo sie *nötig* sind – was aber nötig ist muß die Logik in Verbindung mit der jeweiligen Zielsetzung bestimmen.
Ein Problem ist in der Tat, die Zielsetzung zu bestimmen – auch das aber ist kein Problem der Moderne.